"Wir können Freunde werden" von Thees Uhlmann (Sänger der Band TOMTE)

Tocotronic Tourtagebuch (Auszug)

Allentsteig, 09.10.1999

Das war echt der Teufelsmarsch in die Berge.
Bis zuletzt war keinem klar, wo Allentsteig überhaupt liegt. Irgendwo in den Bergen halt. Und es ist, wie es mit allen Gebieten so ist, die man kennt - irgendjemand weiß: "Da sind viele Faschos." Man munkelt über ein militärisches Ausbildungslager der österreichischen Armee. Mal sehen, was da kommt...

foto tocotronic

Ich frage mich immer noch, wie wir da hochgekommen sind: "Noch eine Abbiegung, noch eine Querstraße, da vorne links. An der Kreuzung mit den vier Straßen nimm bitte die kleinste mit dem Schotter. "Ich könnte jetzt mit Vergleichen von zu Hause anfangen, aber was bringt Euch das, wenn ich schreibe würde, Tocotronic haben im steirischen Äquivalent zu Hackemühlen gespielt? Nichts, genau!
Irgendwann entdeckt man ein Schild, auf dem "Allentsteig" steht. Ich war so: freufreu. Der Bus kann jetzt nur noch mit Tempo 40 durch die engen Straßen gefahren werden. Und dann sind wir endlich da und... verfahren uns dreimal im Ort. Kein Mensch weiß, wo dieses Dingens ist, und dann finden wir es doch, und ich muss feststellen, dass ich doch hätte Chirurg werden können, da ich den Bus noch mal durch vier Serpentinen fahren darf, um ihn dann rückwärts an den Abhang zu fahren, der durch den Schlammpfad zur Bühne führt.
That´s the way I like it. Wenn Menschen schlau werden wollen, schreiben sie immer so was wie: "Der Mensch ist die Summe von· " Wenn der Mensch also die Summe seiner Schweißperlen ist, die er beim Autofahren vergießt, bin ich ein verdammter Zyklop. So, das Wort hätte ich auch im Tourtagebuch eingebaut!

Der Laden heißt Avalon. Das ist gut für Dirk, denn wenn man eins über ihn weiß, dann, dass er großherzig, edel und... also, er hat ja eine starke Affinität zu Fantasyfilmen, und bestimmt hat er diesen Schmachtfetzen mit der Frau auf dem Pony und dem Schwert in der Hand, called the Nebel von Avalon oder so.
Außerdem liest der eh immer. Eine Sache, die ich als Nicht-Leser natürlich bewundere.
Ich kann nicht lesen. Also - ich kann natürlich lesen, aber es bringt mir keinen Spaß. Ich habe noch nie gelesen. Ich könnte sogar hier die Bücher aufzählen, die ich gelesen habe, und es würde nicht mal fünf Zeilen füllen ... leider.
Mal sehen: Mein erstes Buch war Ufos über Bad Finkenstein, dann kam Manni der Libero, das wurde im Herder Verlag verlegt. Meine Oma hat sich damals, als sie mir das vorgelesen hat, darüber mokiert, dass in dem Buch das Wort "Furz" vorkommt, obwohl es ein katholischer Verlag ist. Ich wusste zwar nicht, was das bedeutet; ich wusste nur eins: Bloß nicht katholisch werden! So kommt es, dass ich auch mit fünf eine gewisse Affinität zu dem Wort "Furz" hatte. Dann habe ich Stand by me von Stephen King gelesen, Clive Barker aber nicht. Und dann noch? Äh, den Multicultural-Studies-Reader und Mainstream der Minderheiten, aber nur, weil da eine Professorin drin geschrieben hat, in die ich mal fast verliebt war. Und dann noch als letztes die Biographie von Leo Cohen, das war ein schönes Buch. Vielleicht habe ich jetzt eins vergessen, aber vielmehr waren es wirklich nicht. Dabei habe ich mal irgendwann an einem beschissenen Vorlesewettbewerb teilgenommen. Keine Ahnung, warum. Danach sind meine Eltern mit mir und einem Freund noch in Cuxhaven Fischbrötchen essen gegangen. Scheiße!

Also Avalon. Es ist irgendwie der charmanteste Laden der Tour, und ich habe mir inzwischen einen schönen Rückenschmerz vom Tragen und Fahren zugezogen. Ich fühle mich also finally als Trucker. Oben im Backstagebereich sind Internet und Videobeamer an. Wir gucken Filme ohne Ton und checken unsere Mails. Rick und Sven suchen wieder im Internet nach alten Musikinstrumenten.
Es gibt Essen, das gut tut. Heiß und nahrhaft. Die Leute, die das Konzert veranstalten, sind sehr jung. Ich beginne mich zu fragen, wie sie das Konzert voll bekommen wollen, wo es doch so aussieht, als ob in der Allentsteiger Umgebung Filme wie Rama Dama gedreht wurden ... Es ist hier trostlos, was aber nicht negativ wertend gemeint ist, sondern eher beschreibend, da ich selbst aus der trostlosesten Ecke ever komme.

Tattaaa, das Ding ist voll, und es sind nette Menschen da, also keine Stressvögel. Das Konzert ist geil. Die Band rockt, und das Publikum auch. Traue niemals einer Band, die ihr Publikum "Kids" nennt! Alles amüsiert sich auf eine wunderbare Weise.
Ich glaube, die Leute da in Allentsteig haben etwas Tolles geschaffen: einen guten Club, in dem Leute sich engagieren, um anderen Leute eine Alternative, einen Anreiz zu geben - ein Leben, das nicht im TV stattfindet, wie sehr oldschoolmäßig sich das auch anhören mag. Ich klaue jetzt bei Schorsch Kamerun, der ja auch noch später im Buch auftauchen wird: "Kulturpfanne Allentsteig". Einer der schönen Anblicke der Tour: Irgendwann stellt sich eine Wand von Securityleuten vor die Bühne. Allerdings sind das alles die Boys, die eh für das Avalon arbeiten. Alle in Reih und mit Glied, in roten Avalon-T-Shirts. Manche Menschen hopsen auf die Bühne zu und klatschen einen von den vermeintlichen Securitytypen ab, grinsen sich an und hüpfen wieder zurück in den Mob. Versteht Ihr, warum das schön ist? Wenn nicht, könnt Ihr mein Freund sein!

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Nach dem Konzert darf ich in totaler Finsternis, Match und Nieselregen den Bus beladen. Ich bin genervt von der Tatsache, dass ich jetzt noch lecker fünfundzwanzig Kilometer durch die Nacht fahren darf. In Allentsteig ist noch eine Disko nach dem Konzert. Guess who is staying: JanRickSeven. Ich muss fahren. Ich muss immer fahren, bis spät nachts nüchtern bleiben und mich dann in kürzer Zeit betrinken - was aber eigentlich perfekt ist, da ich schnell betrunken werde und deshalb die ganze Tour über einen Kater habe. Sehr interessant, die Trinkgewohnheiten von anderen Menschen, oder? Ich belade den Bus und sammle meine Leute da draußen ein. Muss mir noch den Weg freikämpfen an derbe quer geparkten Autos vorbei und dann zum Hotel. Wir nehmen die Hasch-Rebellinnen mit, da wir mehr als genug Zimmer gebucht haben. Setzen uns in diesem wunderbaren Landgasthof in einem Zimmer, in dem keiner schlafen wird, an einen Tisch. Arne, Dirk, Michael Bugmann, Susi, Dani, und ich, und wir trinken Wodka und Bier und lachen über Witze und Situationen. Ich habe immer fein säuberlich das Bier in meine Reisetasche gesammelt und aufbewahrt, dass wir irgendwo nicht getrunken haben. Zu Höchstzeiten habe ich eine halbe Kiste Bier, zwei Flaschen Jägermeister und eine Flasche Wodka darin durch die Lande geschleppt. Es hat schön geklötert, und die Jungs haben sich amüsiert. Ich konnte dann immer nur eins sagen: Ich komme halt vom Punk. Der Abend ist zu schön, um ins Bett zu gehen. Arne und ich bleiben noch sitzen und trinken, reden, rauchen uns die Lungen blutig und fühlen uns einfach wohl. Wer kann das von sich heutzutage noch behaupten?

tocotronic tourtagebuch cover

 

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