Die neue avalonische Zeitrechnung begann 1998. Sie begann so wie die alte aufgehört hatte, mit Skandalen und behördlicher Verfolgung. Eine Rückschau zeigt die Veränderung. Vom Kleinstveranstalter zum internationalem Player.

Kino Allentsteig Avalon Außenansicht

Seit 1997 waren wir auch unter die Zeitungsmacher gegangen.

Wir hatten was zu sagen und wollten umfangreich über unsere Veranstaltungen und unser Kinoprogramm berichten. In unserem Kleinformat, welches wir schlicht und unmissverständlich „Der Auswurf“ nannten, bewarben wir die von mir ins Leben gerufene Waldviertler Tauschbörse, sorgten für Vernetzung über unseren gratis Veranstaltungskalender, hatten einen subversiven Redaktionellen Teil und zuguterletzt konnten wir unsere Avalon Veranstaltungen inhaltlich transportieren.

Cover Auswurf Thema Hanf

Die erste Ausgabe 1998 mit der Titelseite „Baut Hanf“ schlug ein wie eine Bombe.

Mehr bedarf es gar nicht, um die Gemüter in Unruhe zu versetzten. Die Polizei lud mich vor, um zu erfahren, wer der Herausgeber der Zeitung sei. Nachdem ich mich outete, durfte ich wieder gehen. Der Artikel über Hanf war sehr nüchtern geschrieben wussten wir doch, dass wir unter Dauerbeobachtung standen und behandelte zum Großteil die Nutzung von Hanf als Bau oder Kleidungsstoff. Die Zeitung wurde von der Bezirkshauptmannschaft an die Landesregierung weitergereicht und dort dem Suchtkoordinator der NÖ Landesregierung Kurt Fellöcker vorgelegt. Dieser schrieb dann einen, für uns entlastenden Bericht der an die besagten Dienststellen ging.

Es gab ja auch nichts zu kritisieren, hatten wir fleißig recherchiert und Fakten aneinander gereiht. Fellöcker rief mich an und erzählte mir, dass er angehalten wurde, die Ausgabe zu prüfen. Er kritisierte im Gespräch in Abstimmung mit Frau Vize-Landeshauptmann Lise Prokop (spätere Innenministerin) einzig die Werbeeinschaltung der Firma „Bushplanet“ in Wien, welche in Ihrer bezahlten Anzeige Pilzboxen beworben hatte.

Ich konterte mit: „Würden wir Presseförderung bekommen, wären wir auf Werbeeinschaltungen nicht angewiesen.“

Der zweite Skandal folgte sofort.

Flyer Fuckhead 98

Im April 1998 veranstalteten wir die Musik Performer und Band Fuckhead.

Fuckhead, eine Band stellt die Performance in den Vordergrund. Freakshow mit Konzertkontext-Körpermusik-Körpergebilde-Einbindung der Publikums-emotionale Triggerungen - Manipulation - Verzerrungen - Verdichtungen am 25.4.98 im Avalon. So kündigten wir die Show an.

Die Presse schrieb nach dem Konzert:

„Mit Spannung wurden sie erwartet, mit Sprechchören wurden sie eingeklatscht. Doch was dann folgte, lässt sich in Worten kaum beschreiben. Vorweggenommen sei, dass „Fuckhead“ kein Konzert im eigentlichem Sinne war, sondern vielmehr eine Entertainment Bühnenshow mit psychedelischer Musikunterstützung. Arachisch (spinnenartig) anmutende Gestalten, beinahe nackt, der Frontmann am ganzen Körper tätowiert, faszinierten den überfüllten Saal und spalteten die Meinungen in zwei Lager. Abscheu und Faszination, diese Extreme dürften wohl alle bewegt haben, denn obwohl die Show in den folgenden häufigen Diskussionen heftig kritisiert wurde, verließ keiner vorzeitig den Saal. Alle starrten gebannt auf die Bühne, bzw., wichen vor den durch das Publikum wandelnden Gestalten zurück.
In einem privaten Gespräch erzählte mir der Frontmann und Sänger Didi Bruckmayr, über das Showkonzept, da nicht das Ohr, sondern vor allem Auge, Gehirn und Emotionen einbinden wollen. Immer wird das Publikum mit einem gewissen Grad von Irritation hinterlassen, doch ist es gerade diese Verwirrung, die nachhaltig Eindruck hinterlässt und zum Denken anregt. (NÖN 18/98)

So sahen das die anwesenden Polizisten in Zivil nicht. Die sahen wahrscheinlich nur, wie sich zwei Performer eine Wäscheleine in den Arsch steckten und dann ein dritter ihre Kleider, die sie davor ausgezogen hatten, darauf aufhängte.

Es folgte eine Anzeige durch die Zwettler Bezirkshauptmannschaft (BH). Verstoß gegen das Veranstaltungsgesetz. Nachdem die Performer fast nackt waren, hätten wir, nach Meinung der BH, eine eigene Variete Genehmigung benötigt, wie sie Bordelle haben. Unsere 10 Jahres Veranstaltungsbewilligung sollte angeblich nicht ausreichen. Im Polizeiprotokoll, verfasst von den Herren Müller und Huber war Folgendes zu lesen:

„Der Auftritt der Gruppe FUCKHEAD fand in der Form statt, dass die drei Mitglieder der Gruppe während ihrer Musikdarbietung nackt auftraten und lediglich ihr Geschlechtsteil mit einem Isolierband umwickelt hatten. Weiters leckten sich die Mitglieder der Gruppe gegenseitig am Hintern, verteilten sich anschließend unter Zuseher und leckten diesen ebenfalls mit der Zunge die Stirn.“

 Womit sollten sie sonst lecken, mit den Beckenknochen?

Fuckhead in Aktion

Man lud mich zum Gendarmerie-Posten Zwettl, wo ich als Veranstalter Stellungnahme abgeben sollte. Ich nahm den WÜ (Lehner Willi) mit, seit mich einige Polizisten in Wien am Kommissariat Kandlgasse verprügelt hatten, ging ich nicht mehr alleine zur Polizei.

Wir mussten im Wartezimmer Platz nehmen, dann wurde ich reingebeten. WÜ stand auf und wollte auch mitkommen, da fing der Polizist lautstark herumzubrüllen an, dass er gefälligst sitzen bleiben solle und dass ihn das Ganze nichts anginge. Erinnerungen wurden wach. „Ich nehme nicht an, dass ich verhaftet bin und nachdem Sie sich nicht benehmen können, gehe ich wieder.“ Er ließ mich wortlos ziehen, so perplex war er. Mein Protokoll holte ich telefonisch nach. Der Puls war bei allen auf 120.

Wir beschäftigten wieder Mal unseren Rechtsanwalt!
Nach unserem vermeintlichen Weihnachts- Rainbow Party Skandal 1997 im Stadtsaal Waidhofen an der Thaya ging es in die nächste Existenz bedrohende Auseinandersetzung

Mit einer dünnen Anklage und unserer schlauen Verteidigung, wonach die „Freiheit der Kunst“ auf dem Spiel stand, konnte die Behörde nicht mit und so flatterte erst spät, aber doch, am 17.11.1998 ein Schreiben unseres Rechtsanwalts herein, in dem er uns die Einstellung des Verfahrens mitteilte. Nerven und Geld hat uns die ganze Sache genug gekostet und gerettet hat uns damals auch, dass wir begonnen hatten, alle Konzerte mitzufilmen und wir eine Dokumentation an die Landesregierung schicken konnten, die das geringe Ausmaß des vermeintlichen Fuckhead Skandals feststellt.

 

Wann & Wo

avalon.kultur

Pfeilgasse 27 / Ecke Albertgasse
1080 Wien

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