Chris Rabl im Interview mit Gerhard Öttl, einem der Gründer des Avalon Allentsteig, geführt am 25.4.08 in Krems an der Donau

altes Foto des Kinos

1) Gerhard, ich kenne Dich als politisch denkenden Menschen. Bevor wir über die Gründung des Avalon sprechen, würde mich noch deine Zeit in Nicaragua in den 80ern interessieren. Wie kam es dazu?

Ich hab mich schon immer für die so genannte 3te Welt interessiert und Nicaragua war damals ein möglicher Modellfall sozialistischer Entwicklung. Über den Verein „Nicaragua Brigaden“ wurde mir die Reise dorthin ermöglicht, in einer Blütezeit der Sandinisten. Ich verrichtete freiwillige Arbeiten. Neben der Arbeitsleistung vor Ort und der Absicht authentischer Berichterstattung in den jeweiligen Herkunftsländern hatte der Aufenthalt von möglichst vielen „AusländerInnen“ im Land auch das Ziel einer allfälligen Intervention durch die USA entgegen zu wirken.

2) Anscheinend hast du dich nicht nur politisch betätigt, sondern auch kulturell. Von Nicaragua nach Allentsteig. Wie kam es zur Gründung des Vereins Avalon und zum Kauf des alten Kinos?

Grundsätzlich möchte ich festhalten, dass ich nicht der alleinige Gründer und Zentralfigur war, sondern wie so oft, hat sich alles aus meinem privaten Umfeld entwickelt.

Dort wo mehrere Menschen sich gut verstehen, sich gemeinsam Wohlfühlen, dort wird etwas wachsen.

 

Artikel NÖN 1993 zur Gründung des Kulturvereins

Die Crew, die am Anfang des Kinos in Allentsteig stand, kannte ich großteils bereits aus meiner Jugendzeit. Avalon (Mit)Begründer Willi Lehner (Wü), die Musiker Filax und Alfred Auer (Bü) oder die zwei „Sabotage“ Künstler Huber Lois und Pomassl sind alle in meiner Umgebung aufgewachsen. Drehscheibe kulturellen Handelns war in meinen späten Jugendjahren das „Weiße Rössel“ in Plank am Kamp wo Jonny Diewald mit seiner Frau Christa der regionale Kulturmotor war.

Im „Weißen Rössel“ passierten nicht nur kleinere Konzerte und DJ Abende, sondern noch immer bestehende Initiativen wie die Arge Region Kultur oder die Zeitung „Lebenszeichen“ fanden dort Freiräume vor. Wü war dort aktiv tätig und konnte Erfahrungen mit Veranstaltungsorganisation sammeln. Zu dieser Zeit wohnten wir bereits in Mollands zusammen und übersiedelten später gemeinsam nach Rastenberg, wo Wü sich ein Haus kaufte.

Gemeinsam machten wir uns auf die Suche nach einer eigenen Veranstaltungs-lokalität. Wü hatte die Träume, ich das Geld. Wir suchten lange, aber nichts passte zu unseren Vorstellungen. Sollte doch ein größerer Raum zum Veranstalten dabei sein, etwas außerhalb gelegen und eine Wiese zum Campen. Wir schalteten sogar eine Anzeige: „Suchen Veranstaltungslokalität!“ 

Und dann meldete sich ein Hausbesitzer mit: „Ich hab genau das Richtige für euch!“ Das alte Kino in Allenststeig.

3) War dir gleich klar, worauf du dich da einlässt? Wie waren die Anfangsjahre?

Natürlich war mir überhaupt nicht bewusst, auf was wir uns da einlassen. Das Kino lag zwar mitten im Ort, hatte aber einen großen Saal und war noch ein intaktes Kino. Unser Anliegen war es, Kultur zu machen, da kam uns das Kino gerade Recht!

Ich hab dann die Liegenschaft in dem Dr. Ernst Krennstr.20 um eine Million Schilling gekauft. Neben den unerwartet heftigen bürokratischen Hürden hatten wir auch mit einer gewissen „Erbschuld“ unseres Vorgängers Burger zu kämpfen. Er hatte vor uns jahrelang das Kino betrieben und sich mit seiner bundesheerkritischen Gesinnung in Allentsteig nicht gerade beliebt gemacht. So besetzte er einmal mit hunderten GrünaktivistInnen den Truppenübungsplatz und forderte dessen Abschaffung und die Umwidmung in einen Naturpark.
So unterstützenswert ich diese Aktivitäten auch sehe, hatten wir keine derartigen Ambitionen, sondern wollten nur in Ruhe unerere Kulturveranstaltungen machen können, wurden jedoch anfangs in einen Topf mit Burger und dessen Aktionen geworfen.

Eigentlich wollte ich ja nur Käufer (Inhaber) sein und dem Wü bei der Buchhaltung zur Hand gehen. So blieb es dann aber leider nicht und ich machte dann auch bei den Konzerten die Eintrittskassa. Man muss sich das so vorstellen: Von Dienstag bis Freitag gab es Kino, zwei Vorstellungen, am Samstag Konzert, das dauerte manchmal bis 4 Uhr morgens, obwohl wir versuchten, gleich nach dem Konzert so um 0.00 Uhr mit dem Aufdrehen des hellen Saallichts die Besucher nach Hause zu schicken, blieb dann doch immer der engere Freundeskreis bis früh morgens „hängen“ und es floss die ein oder andere Flasche Tequila.

Sonntags zur 17 Uhr Vorstellung musste das Haus geputzt und soweit neu ausgemalt sein, damit sich die wenigen Kinogäste in einem seriösen Kino glaubten. Das endete vor allem für Wü in einer permanenten Überforderung, da sich weniger AktivistInnen zu uns gesellten, als wir gehofft hatten. So blieb vom Bardienst bis zur Künstlerbetreung am Samstag und putzen, ausmalen bis hin zum Kartenabreißer am Sonntag vieles an ihm hängen. Wir haben in dieser Phase den Fehler gemacht, in den anfallenden Arbeiten unterzugehen, anstatt uns mehr darauf zu konzentrieren Hilfe zu bekommen.

avalon flyer 1993

4) Wie ging es dann weiter?

Durch unsere Öffentlichkeitsarbeit, Programmfolder, Plakate und div. Zeitungsartikel „Neues Leben im Kino Allentsteig“ wurde rasch die Behörde auf den Plan gerufen. Ich weiß nicht mehr genau, welche von den vielen zuerst „anklopfte“, aber ich denke, dass der Beamte Fritz der NÖ-Landesregierung, zuständig für Veranstaltungsbewilligungen mit dem zuständigen Landesrat Schimanek (FPÖ, jetzt BZÖ) die Bezirkshauptmannschaft auf unser unabsichtlich im Graubereich angesiedeltes Treiben aufmerksam machte.

Wir dachten uns nicht viel dabei. Ich kaufte ein bewilligtes Kino, das wir im laufenden Betrieb übernommen haben und in dem schon zuvor Konzerte abgehalten wurden. Warum sollten wir dort nicht weiterhin Kulturveranstaltungen durchführen dürfen?

Die Behörden machten uns mit mehreren Bescheiden klar, dass es so nicht weiterging. Über das Waldviertelmanagment des Edi Kastner, ließen wir uns am Edelhof bei Zwettl beraten und Peter Stromayer schrieb große Teile des ersten Konzeptes, insbesondere den Finanzplan. Durch die Ausrichtung auf den Konzertbetrieb wurde klar, dass wir ohne Förderungen der öffentlichen Hand unsere Betriebstätte nie so umbauen können, dass dem Gesetz genüge getan wird.

Wir suchten bei der Landesregierung Eco Plus (Betriebsansiedelung) um eine einmalige Förderung für den Umbau an und bekamen 500.000,- ATS. Zusätzlich wurden vom Land NÖ und dem BMUK jeweils 250.000,- ATS - teilweise allerdings verteilt über mehrere Jahre- zugesagt. Nachdem wir als regionaler Kulturanbieter eine gesetzlich verankerte Aufgabe der öffentlichen Hand übernahmen und Kulturaktivitäten häufig erst durch Förderungen möglich sind, hatten wir auch kein schlechtes Gewissen deswegen.

Gleichzeitig suchten wir mit einem Kultur-und Kinoprogramm bei der NÖ-Landesregierung (Kulturabteilung und Kinoabteilung) und dem BMUK (Kulturabteilung) um Förderung für laufende Kosten und Kulturprogramm an. Auch hier bekamen wir ein wenig Geld und begannen die erteilten Bauauflagen umzusetzen. In Summe waren es 72 Punkte, von der Heizung über Elektroattest bis hin zur Hauptstiege neu, war alles dabei!

Das Schlimme daran war, dass nicht immer dieselben Beamten zu den Bauabnahmen kamen und die 72 Auflagen auch nicht auf einmal vorgeschrieben wurden, sondern sich von Bauverhandlung zu Bauverhandlung summierten. Kaum glaubten wir „Land in Sicht“, gab´s schon wieder neue Forderungen. Im Endeffekt reichten eine Million Schilling bei weitem nicht aus um alle Vorgaben zu erfüllen. Uns ging das Geld und die Kraft aus, hatten wir den Verein Avalon erst 1992 gegründet, waren wir 1994 bereits hoch verschuldet. Wir mussten uns einen Kredit aufnehmen um das Konto zu entlasten. Es fielen Zinsen an, mit denen niemand gerechnet hatte.

Kompliziert waren auch die Förderabrechnungen, nachdem es alleine im Land drei Förderstellen gab, wo wir ansuchten und abrechnen mussten, zusätzlich noch das BMUK, entwickelte sich das Projekt Avalon zu einer unbezahlten Vollzeitbeschäftigung. WeggefährtInnen zum Kulturzentrum wie Beer sprangen ab, als sie dessen Umfang realisierten oder kamen über die Grenze dessen was sie unbezahlt leisten konnten wie Richie (Elektro). Es gab zwar immer wieder großartige Unterstützung (Petra, viele Etsdorfer, Ulli, Sigi, ...), aber doch weniger als das Projekt benötigt hätte und so standen Wü und ich bald mal relativ alleine da.

Zu den laufenden Aktivitäten (inklusive Förderstress) und der permanent Baustelle kam dazu, dass wir einen großen Teil der Förderungen vorfinanzieren mussten. So hielten wir - teilweise ohne Bewilligungen - den Kulturbetrieb aufrecht, um unseren Auftrag und unsere Zielsetzung nicht ganz zu verlieren, was wiederum manchmal zu polizeilichem Einschreiten führte. ]

Da zuvor das „Weiße Rössel“ in Plank zusperrte, hofften wir auf Besucher von etwas weiter südlich, für die der Truppenübungsplatz allerdings eine große Hürde war. Eigentlich war uns kulturelle Arbeit wichtiger als die Arbeit auf einen Baustelle. Aber da wir mehr Zeit mit dem Umbau verbrachten als unser Kulturprogramm zu promoten, blieben die Leute aus!

foto umbauarbeiten avalon 94

5) Hört sich alles sehr dramatisch an. Was sagten eigentlich die Fördergeber dazu, dass ihr ohne Bewilligungen weitergemacht habt?

Für das BMUK war es kein so großes Problem, da dieses Erfahrung in der Förderung umstrittener Projekte und unbequemer Jugendinitiativen hatten. Die Landesregierung hingegen hatte große Probleme. Das Schizophrene war, dass uns die Kulturabteilung gerne gefördert hätte und gleichzeitig die Abteilung für Veranstaltungsbewilligungen gerne zugesperrt hätte. So kam es, dass wir ein Jahr 120.000 ATS bekamen und ein Jahr darauf nur 10.000,- ATS. Nachdem die Förderzusage teilweise sehr spät kam, wir aber mit den eingereichten Beträgen arbeiteten und rechneten, war es dann umso schlimmer, das Geld nicht zu bekommen. Ein echter Teufelskreislauf. Dank sei der leider verstorbenen Landeshauptmannstellvertreterin Lisi Prokop ausgesprochen, die das Projekt immer massiv unterstützt hat.

6) Ich persönlich kannte das Kino in Allensteig noch aus „Burgers“ Zeiten und traf dann euch, als ich 1994 oder 1995 meine Zeitung „Die Vielfalt“ über die Konzerteinnahmen bei den zwei „Rock gegen Intoleranz“ Veranstaltungen finanzieren wollte! Wie sahst du mich als Fremdveranstalter?

Für mich warst du nie ein Fremdveranstalter! Ich schätzte von Anfang an dein politisches Interesse und deine Kulturarbeit. Mir hat es gefallen, dass du Musikveranstaltungen benutzt hast, um Botschaften zu transportieren. Nicht nur, dass bei deinen Konzerten zur damaligen Zeit sehr viele Leute waren, ich schätzte auch dein generelles Engagement. Als gelernter Maurer warst du natürlich der Mann der Stunde, schließlich lagen noch einige Großbaustellen vor uns, wie die Erneuerung der riesigen Stützmauer vor dem Haus!

7) Ab wann wusstest du, dass ich das Kino in Allensteig weiterführen sollte?

Wü und mir ging ein wenig die Luft aus und bei Wü stand 1995 ein Job als Kulturvernetzter zur Diskussion. Entscheidend war aber der frische Wind, den du und dein Team in die verfahrene Situation gebracht hast und so haben Wü und ich beschlossen, euch die Weiterführung zu überlassen.

8) Nun gibt es die Initiative Avalon bereits seit 16 Jahren, zwei weitere Lokalitäten wurden eröffnet, eine davon wieder geschlossen, hunderte von Bands traten auf, unzählige Kinofilme wurden gespielt, eine Zeitung herausgegeben, SozialarbeiterInnen engagiert. Bist du stolz darauf, das Avalon mitbegründet zu haben?

Nein, Stolz ist nicht der richtige Ausdruck! Auch nicht, dass es die Initiative Avalon noch gibt. Ich habe zwar mit Wü gemeinsam gestartet, das finanzielle Minus, das ich privat erfuhr, überlagert aber alles! Schließlich bin ich in Summe auf rund 700.000,-ATS (53.000,-Euro) sitzen geblieben. Dass ich eine Unmenge unbezahlter Arbeitszeit aufgewendet habe hingegen geht völlig in Ordnung - damit habe ich ja gerechnet, aber finanziell sollte es ein Nullsummenspiel werden. Es war mir ein Anliegen, dass kulturelle Aktivitäten passieren (können) - zumindest das wurde erreicht.

NÖN Artikel 1993 über eine Veranstaltung

9) Dann würdest du demnach keinen Kulturverein mehr gründen? Was hättest du im Nachhinein anders gemacht?

Wahrscheinlich würde ich es sogar wieder machen... ich würde aber vieles anders machen. Mit dem Wissen von heute könnte man sich viele schlaflose Nächte ersparen. Wir waren einfach zu unerfahren und naiv, dachten es würden sich alle freuen, wenn wir kulturell etwas bewegen wollen. Schnell hat sich herausgestellt, dass Kulturarbeit nicht so einfach ist und dass man sich die Gäste nicht immer so verhalten wie man es sich als Kulturveranstalter erwarten würde. Das war auch eine große Ernüchterung.

So hatten wir gleich am Eröffnungstag einen Vorgeschmack was uns alles erwartete, als betrunkene Gäste die Klotüre aushängten und damit die 50 Stufen der Hauptstiegen hinuntersurften!

 

 

Wann & Wo

avalon.kultur

Pfeilgasse 27 / Ecke Albertgasse
1080 Wien

Mo-Sa ab 17:00 Uhr
Sonntags geschlossen

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